Interview: Wieso die Retusche den entscheidenden Unterschied macht

Was passiert eigentlich, wenn ein Foto im Kasten ist? Fertig – könnte man meinen. Bei Editorial Shootings, Werbekampagnen oder künstlerischer Fotografie ist das aber längst nicht der Fall. Mit viel Perfektion, Detailarbeit und Geduld entscheidet die Retusche über die finale Aussagekraft der Bilder. Holger Ward, Geschäftsführer von GLOSS Postproduction in New York City, beschäftigt sich jeden Tag mit Konzepten, die ein Bild in seiner Nachbearbeitung einzigartig aussehen lassen. Im Interview gewährt er uns einen genaueren Einblick in seine Arbeit und erklärt, welche Rolle die Fotoretusche heutzutage Welt hat.

CARMITIVE: GLOSS ist eine internationales Studio für Fotoretusche und professioneller Bild-Nachbearbeitung. Mit welcher Art von Fotos arbeitet ihr?

HOLGER WARD: Gloss ist eine Firma für kreative High-End Retusche. Unsere Hauptthemen sind vor allem Lifestyle- und Mode-Shootings aber auch Produktfotografie, Kampagnen für Autohersteller und Personen des öffentlichen Lebens. Ist es euch wichtig, bei allen Shootings dabei zu sein? Die Art des Projekts spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Wenn wir eine große Strecke geplant haben – zum Beispiel für ein Modemagazin – macht es oft Sinn, am Set dabei zu sein. So können wir bereits vor Ort mit der Nachbearbeitung beginnen. Bei mehrtägigen Shootings sind meist viele Leute beteiligt, die nach dem Projekt wieder auf der ganzen Welt verteilt sind. Da ist es einfacher, die finalen Bearbeitungen mit allen gleichzeitig zu besprechen.

Wie sieht ein üblicher Ablauf aus – von der RAW-Aufnahme bis zum Resultat?

Oh, da gibt es alle möglichen Abläufe. Für Social Media Beiträge braucht es meist nur einige Anpassungen von Helligkeit, Kontrast und Farbtemperatur. Das ist innerhalb von wenigen Stunden gemacht. Wenn es jedoch größere Fotoshootings sind, dann kann ein Bild mehrere Tage in Anspruch nehmen, bis das letzte Detail perfekt ist. Inwieweit könnt ihr eure künstlerische Freiheit bei den Aufträgen einbringen? Auch da gibt es Unterschiede. Einige Kunden wissen nicht genau, was sie wollen  – dann unterstützen wir sie natürlich in der Ideenfindung. Bei anderen Projekten kriegen wir bereits zu Beginn Moodboards und genaue Anweisungen. Jedoch ist es jedes Mal ein künstlerischer Prozess, bei dem sich ständig etwas ändern kann. Hinzu kommt der eigene Stil von GLOSS, den die Kunden besonders schätzen.
© Gloss Retouching

Die Werbung hat oft den Ruf, nicht authentisch zu sein. Wie viel ist deiner Meinung nach noch echt?

Ich denke nicht wirklich, dass die Werbung nicht echt ist. Im Durchschnitt schauen wir ein Bild für 23 Sekunden an. Das ist eine sehr lange Zeit, wenn man bedenkt, dass wir in einem Video teilweise über 60 Bilder in einer Sekunde sehen. Auf einem unbearbeiteten Foto würde man alle Unebenheiten erkennen, die für eine Marke oft störend sind, weil sie von der eigentlichen Aussage ablenken. Deshalb versuchen wir, das Bild möglichst passend zur Botschaft zu gestalten. Das ist wie bei der Sängerin Nicki Minaj: Sie will unecht aussehen um mit einer makellosen Haut und perfekten Kurven im Rampenlicht zu stehen. Jeder muss diese Werte für sich selbst definieren.

Wie hat sich das Geschäft in den letzten Jahren verändert?

Der größte Wandel liegt wohl darin, dass die Kunden von uns mehr Leistung für weniger Geld verlangen (lacht). Sie wollen nur Geld ausgeben, wenn sie wissen, dass die Kampagne Erfolg haben wird. Ihr Know-How hat sich auf jeden Fall gesteigert. Was die Ästhetik und Bildsprache angeht, hat sich jedoch nicht viel verändert.

Welche Projekte bearbeitest du persönlich am liebsten?

Ich schätze die kreative Vielseitigkeit meiner Arbeit. Zu meinen liebsten Projekten zählt zum Beispiel die kürzlich veröffentlichte Modestrecke für das amerikanische Modemagazin Vanity Fair.
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Wie stehst du zu Apps für die Fotobearbeitung von Instagram-Fotos wie zum Beispiel "Facetune"?

Ehrlich gesagt, finde ich die Sozialen Medien ziemlich hysterisch. Deshalb brauche ich privat keine dieser Apps. Auf Instagram und Co. ist alles so kurzlebig. An einem Tag bist du ganz oben und total „in“, am nächsten Tag hat dich jeder schon wieder vergessen – mitsamt deiner Posts. Hinzu kommt, dass wir nicht genau wissen, wie sich alles entwickeln wird. Snapchat ist das perfekte Bespiel – jeder benutzte es und heute scheint es, als hätten die meisten genug davon.

Von manchen Jobs sagt man, dass sie einem 24 Stunden und sieben Tage die Woche begleiten. Überlegst du dir manchmal, was man bei Passanten „retuschieren“ könnte?

Nun, da ich selbst nicht retuschiere (Ward ist der Manager von GLOSS Retouching), mache ich mir darüber keine Gedanken. Doch manchmal sehe ich Broadway Plakate, Buchtitel oder Modestrecken und denke: „Das hätte man besser machen können“ oder „das ist eine tolle Inspiration“. Aber bei echten Menschen? Nein, ich denke, dass überlasse ich den Schönheitschirurgen.
© Gloss Retouching
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Text by Vivian & Carmen

Layout by Angela

All Pictures © Gloss Retouching