Mode & Gesellschaft: Zeit, sich Zeit zu nehmen

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La Dolce Vita. Wir alle wissen sofort, was mit diesen drei Worten gemeint ist. Das Leben voll und ganz auskosten und sich nicht durch Hektik und Stress aus der Ruhe bringen lassen. Das Gefühl, einen Espresso auf der Piazza zu zippen und seine Umgebung mit all der positiven Energie aufzusaugen. Eine Lebensweise, die wir hin und wieder gerne in unsere eigene adaptieren würden. Jedoch ist es heutzutage wahrscheinlicher zurückzuschrecken, da die Optimierungsgesellschaft anderes von uns verlangt.

Dass in der westlichen Welt das Besserwerden durch Perfektionismus hoch im Kurs steht, ist inzwischen kein Geheimnis mehr. Von allem immer mehr und noch besseres zu kriegen, kann auf Dauer allerdings anstrengend werden. Deswegen kommt durch die Optimierung schnell der Wunsch nach Entschleunigung auf. Laut Duden beschreibt es die gezielte Verlangsamung einer – sich bisher ständig beschleunigenden – Entwicklung, einer Tätigkeit. Es steht also für die bewusste Entscheidung, sich all der Hektik zu entziehen.

Wieso Interior-Trends Vorbild für einen entspannten Alltag sein können

Auch die Interior-Designerinnen Arianna Lelli und Chiara Di Pinto von Studiopepe setzten im April in ihrer Inszenierung während der alljährlichen Möbelmesse „Salone del Mobile“ in Mailand auf die Thematik der Entschleunigung. Die beiden Frauen richteten eine Wohnung mit sieben Zimmern ein, die sie „Club Unseen“ nannten. Farblich setzte das Designteam auf warme Pastelltöne, die eine einladende und beruhigende Atmosphäre schafften. Die geräumigen, Lounge-artigen Wohnzimmer luden zum Entspannen ein und wurden durch Livemusik von regionalen Musikern zu einem einzigartigen Erlebnis. Studiopepe wollte mit diesem Privatclub genau dieses Gefühl schaffen: Weg vom hektischen Alltag und rein in eine Welt, die sich fernab von der gestressten, gewohnten Welt befindet.

Wie Zeit zum modischen Faktor wurde

Ähnlich wie in unserem Alltag, ging es in den letzten Jahren auch in der Mode hektisch zu. Es tauchten immer mehr Zwischenkollektionen auf, „See-now-buy-now“ feierte seine Erfolge und die Branche reihte sich in den Rhythmus der immer schneller werdenden Gesellschaft ein. Zudem veränderte die Digitalisierung die Branche grundlegend. Mit Live-Videos oder Instagram Stories direkt vom Laufsteg werden Leser mitgenommen und bekommen das Gefühl, hautnah dabei zu sein – heute ist dieses Privileg bereits selbstverständlich.  Was jedoch entsteht, ist der Druck, immer der Schnellste zu sein, der diese Informationen liefert. Gleichzeitig will man als Konsument nichts verpassen. Redakteure hetzen von Show zu Show, geben ihr Handy nicht mehr aus der Hand, um den perfekten Moment der perfekten Aufnahme nicht zu verpassen. Ein ewiger Kampf um die Zeit.

Mit diesen Ansätzen spart die Mode mehr Zeit

Durch diese Hektik entstanden in der Vergangenheit allerdings auch Gegenbewegungen, die versuchten, sich diesem Zwang zu entziehen. Beispielsweise entschied sich Jason Wu 2017 dafür, seine Hauptkollektionen gleichzeitig mit den Zwischenkollektionen zu präsentieren. Statt vier nervenaufreibenden Schauen beschränkte er sich somit auf zwei, etwas größere Präsentationen. Ein bemerkenswerter Schritt, womit sich Wu als einer von wenigen bewusst aus dem regulären Modekalender entzieht und ein Statement setzt. Große Labels wie Burberry, Tom Ford, Vetements und Gucci führten als weitere Alternative ihre Frauen- und Männerkollektionen zusammen. Dies würde laut dem Gucci-CEO Marco Bizzarri, mehrere Geschäftsaspekte vereinfachen. Die gewonnene Zeit könnte zudem dafür genutzt werden, den ständigen Drang nach Selbstoptimierung zu vermindern, sich mehr Zeit für sich selbst zu nehmen und anzufangen, das Leben auf eine ganz eigene Art und Weise zu genießen.

 

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Der Grundgedanke liegt also auf der Hand: Designer – sei es in der Mode oder im Interior – machen sich als sensible Vordenker unserer Gesellschaft bereits Gedanken über alternative Lebensweisen. Der Mensch und seine Bedürfnisse rücken wieder etwas mehr in den Vordergrund. Die Gesellschaft und deren negative Entwicklungen werden hinterfragt und eventuelle Lösungsansätze werden kreativ umgesetzt, um zum Nachzudenken anzuregen. Denn am Ende des Tages, hat uns ein Espresso auf der Piazza noch nie geschadet, oder?

Featured image pictures © Pexels

Text by Rossella

Translation & Layout by Carmen